Demografischer Wandel: Der Wettlauf unter den Kommunen beginnt!


Ein Beitrag von Prof. Dr. Jutta Rump

Rump Jutta
Prof. Dr. Jutta Rump

Es ist allgemein bekannt, dass Deutschland schrumpft und altert. Wir diskutieren derzeit die Folgen der demographischen Entwicklung zum Beispiel in Bezug auf unser Sozialversicherungssystem, Familienpolitik und den Arbeitsmarkt.

Einflüsse der Demografie

Was bisher erst noch vereinzelt zur Sprache gebracht wird, sind die Einflüsse auf den Produkt- und Dienstleistungsmarkt, den Kapitelmarkt, den Immobilienmarkt, die Bildungspolitik, die Finanzpolitik und das Agieren auf kommunaler Ebene. So werden sich die Produkt- und Dienstleistungsmärkte auf eine andere Kundschaft einstellen müssen.

Auf dem Kapitalmarkt werden sich das Sparverhalten und die Nachfrage nach Vermögensanlagen verändern. Die Nachfrage nach Immobilien wird je nach Region zurückgehen, während der Wunsch nach alternsgerechter Gestaltung von Wohnraum zunimmt.

Bildung wird in Zukunft mit der nachhaltigen Sicherung von Beschäftigungsfähigkeit und dem lebenslangen Lernen unter Berücksichtigung der Verlängerung der Lebensarbeitszeit einhergehen, deren Grundlagen bereits in der Sozialisation gelegt werden. Darüber hinaus werden sich Steuereinnahmen und Ausgaben verändern.

Bewusstsein auf kommunaler Ebene

Auf kommunaler Ebene gilt sich bewusst zu machen, dass sich der demografische Wandel nicht überall und in gleichem Maße vollzieht. Es gibt Regionen, die trotz Bevölkerungsreduktion in Deutschland wachsen werden und weniger altern. Ob eine Region wächst oder schrumpft, stark altert oder nicht, wird nicht unwesentlich durch die Attraktivität als Wohn- und Lebensort sowie Wirtschaftsstandort beeinflusst.

Bietet eine Kommune zum Beispiel:

  • eine qualitativ und quantitativ ausreichende Betreuungsinfrastruktur (Kinderbetreuung, Pflege),
  • eine Bildungslandschaft, die das lebenslange Lernen berücksichtigt,
  • Kultur- und Freizeiteinrichtungen,
  • eine Gesundheitsinfrastruktur,
  • bezahlbaren Wohnraum mit Anbindung zu Verkehrsmöglichkeiten und Nähe zu Schulen, Betreuungseinrichtungen, Einkaufsmöglichkeiten etc.,
  • einen überschaubaren bürokratischen Rahmen,
  • professionelle und schnelle Prozesse in der Kommunalverwaltung,
  • Informations- und Unterstützungsstellen sowie Ansprechpartner für Bürger/-innen und Wirtschaft sowie
  • eine moderne informations- und kommunikationstechnologische Infrastruktur,

steigen die Chancen zu den Gewinnern trotz demografischer Entwicklung zu gehören.

Investitionsentscheidung

Es fällt auf, dass die Faktoren, die über die Attraktivität als Wohn- und Lebensort sowie Wirtschaftsstandort entscheiden, nicht kurzfristig implementiert werden können. Sie brauchen eine Vorlaufzeit und binden finanzielle Ressourcen. Der Umgang mit dem demografischen Wandel ist somit eine Investitionsentscheidung, die zudem mit vielfältigen Wechselwirkungen verbunden ist. Ad-Hoc-Entscheidungen reichen nicht aus, auch Perspektivenwechsel je nach Wahlperiode sind nicht hilfreich. Stattdessen ist ein langfristiges, nachhaltiges Agieren notwendig.

Neben der externen Sicht bedarf es einer internen Sicht. Die kommunale Verwaltung ist ebenso wie viele Unternehmen mehr oder weniger von dem Rückgang der Erwerbspersonen und der Alterung ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sowie von Fachkräfteengpässen betroffen. Um den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen, bedarf es einer Personalpolitik, die sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen muss:

Welche Qualifikationen und Kompetenzen muss eine Belegschaft mitbringen, um den künftigen Anforderungen gerecht zu werden?

Wie kann die Lern- und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten unter Berücksichtigung der Verlängerung der Lebensarbeitszeit und des zunehmenden Anteils Älterer gefördert werden?

Wie lassen sich junge Menschen für die kommunale Verwaltung als Arbeitgeber und für die benötigten Berufsbilder begeistern?

Gewinnung und Bindung von jüngeren Mitarbeitern/-innen

Es fällt auf, dass insbesondere die Gewinnung und Bindung von jüngeren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bei der Diskussion um die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Personalpolitik vernachlässigt wird. Dies ist fatal. Ist doch zu berücksichtigen, dass die jüngeren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen andere Werte haben als ihre älteren Kollegen und Kolleginnen. Während die Älteren tendenziell eine stärkere Prägung durch traditionelle Werte – wie Leistungsorientierung, Disziplin, Pflichtbewusstsein, starke Berufsorientierung, Kollegialität und Solidarität, Sicherheitsdenken und die Suche nach Beständigkeit – aufweisen, lässt sich bei den Jüngeren eine Relativierung der traditionellen Werte beobachten. So erlebt man bei ihnen zwar vielfach eine hohe Leistungsbereitschaft, jedoch gleichermaßen eine Forderung nach Spaß, Perspektiven und Sinnhaftigkeit. Viele jüngere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen möchten ihre Berufsorientierung konsequent verfolgen, erwarten allerdings auch, dass man ihnen einen angemessenen Raum für ihr Privat- und Familienleben lässt. Teamorientierung hat im Gegensatz zu den Älteren weniger etwas mit Kollegialität und Solidarität zu tun, sondern gestaltet sich eher als Zweckgemeinschaft. Gleichzeitig trifft man eine stärkere Tendenz zum Streben nach Individualisierung bei vielen Menschen der jüngeren Altersgruppen an. Beständigkeit und „Nischen zum Verschnaufen“ sowie Arbeitsplatzsicherheit wünscht sich die jüngere Generation zwar auch, aber nicht mehr um jeden Preis. An dieser Stelle sei angemerkt, dass die Personalpolitik nicht selten von Führungskräften der älteren Generationen gestaltet wird, die ihre Werte sowie Denk- und Handlungsmuster zugrunde legen – und sich wundern, warum ihre Personalpolitik nur bedingt greift.

Wer zu den Gewinnern zählt?

Die Kommunen, die den demografischen Wandel sowohl in ihrer Kommunalpolitik als auch in ihrer Personalpolitik berücksichtigen, werden zu den Gewinnern zählen. Es ist sogar davon auszugehen, dass ein sich selbst verstärkender Effekt einsetzt: Kommunale Investitionen in die Attraktivität als Wohn- und Lebensort ziehen Menschen in die Region und in die Kommune, was sich positiv u.a. auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Ein gutes Angebot an Fachkräften ist wiederum für die ansässige Wirtschaft von Vorteil. Darüber hinaus befördert es betriebliche Neuansiedlungen. Attraktive Arbeitgeber ziehen weitere Arbeitskräfte und deren Familien in die Region bzw. in die Kommune, die sich vor allen Dingen dann dort niederlassen, wenn sie den Wohn- und Lebensraum als attraktiv wahrnehmen.


Prof. Dr. Jutta Rump ist Professorin für Internationales Personalmanagement und Organisationsentwicklung an der Fachhochschule Ludwigshafen am Rhein. Sie ist Mitglied der Hochschulleitung und leitet das Institut für Beschäftigung und Employability (IBE). Ihre Forschungsschwerpunkte sind derzeit Zukunft der Erwerbsarbeit, Employability, Employability Management, Personalpolitik im Zuge des demografischen Wandels, Work-Life-Balance, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Komplexitätsmanagement sowie Electronic Mobility.

 

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